Montag, 30. September 2013

briefe an henri vol. 5 - das selbstmörderische Gnu

Rheinfränkische Metropole, ende September 2013

Lieber Henri,

Heilige Scheisse! Zwei Tage lang habe ich als Gnu (G-N-U…!!!) gearbeitet, dann haben mich diese Banausen zum Teufel gejagt! Doch der Reihe nach: Kleverer Schachzug deiner Alten ein paar dicke Weiber vor Augen zu führen. Das verbessert ihre Laune. Der scheiss Henner würde seine flinken Hände lieber bei seiner Alten einsetzen, dann hätte er weniger Probleme und du weniger amtlichen Besuch in deiner Kneipe. Aber das Einzige, was der kann ist Tischfussball und Taschenbilliard. Jedenfalls, du weisst, was ich über solche Exponate des Milieus halte. Kaputt sein ohne Ideologie ist etwas für Tiere. Du und ich, wir sind auch kaputt auf unsere Art, aber wir sind so aus Überzeugung, nicht aus Unfähigkeit. Und der alte Edi ist seit zehn Jahren am sterben, aber ich glaube, der überlebt uns noch alle. Der hat nichts, wofür es sich für den Tod lohnen würde ihn zu holen. Im Moment lechze ich auch nach einem Lech. Ich bewundere deine romantisch verklärte Einstellung gegenüber dem Reisen und ich muss sagen, du hast absolut recht. Die lohnenswertesten Reiseerfahrungen gipfeln auf Speis und Trank. Das, zusammen mit den Sehenswürdigkeiten, der Architektur, der Produktevielfalt und der Mentalität der Menschen, das macht ein Land aus. Wie wärs also mit Paris? Nimm deine Alte und verbring ein paar romantische Tage bei gutem Essen und gutem Wein. Auch wenn sie dir manchmal auf den Geist geht, immerhin hast du jemanden. Der Herbst wird langsam golden, es wäre also bestimmt ein Erlebnis. Ich wünschte, ich könnte mal wieder unter diesen Gesichtspunkten reisen. Aber das ist eben der Unterschied zwischen reisen und flüchten. Seit ich vor mir selbst auf der Flucht bin, kann ich nichts mehr geniessen. Auch diese Scheisse letze Woche wieder. Bin in Hamburg angekommen und hatte am Montag die erste Probe für dieses Musical mit den Tieren. Sie haben mich in ein Gnukostüm gesteckt und ich musste im Hintergrund rumhampeln und Backgroundgesang machen. Wie du weisst, habe ich keine ausgeprägte Musicalstimme, aber mein Diplom der Royal Academy of Music bescheinigt mir die nötigen Fähigkeiten. Jedenfalls habe ich den ersten Auftritt hinter mich gebracht, ohne gross aufzufallen.  Beim zweiten Auftritt ging dann alles schief, was schief gehen konnte. Ich war besoffen und deprimiert, - der Herbst, das Wetter in Hamburg, die Einsamkeit – hatte keine Hose an und wollte mich vom Königsfelsen stürzen. Nach dem ersten Akt haben sie mich aus dem Verkehr gezogen. Hab dann die Produktionsassistentin angefleht, sie solle mir helfen, nachdem wir die Nacht zuvor ja intim geworden seien. Der Regisseur war auch dabei und was soll ich sagen, stellt sich also heraus, dass die Produktionsassistentin seine Verlobte ist. Ende des Liedes: Nach zwei Tagen bin ich rausgeflogen, ohne Bezahlung und mein Diplom haben sie auch behalten. Bin dann nach Frankfurt zwecks Börsengeschäften, aber das läuft auch nicht. Suche gerade etwas Neues und gebe mich zwischenzeitlich als Modelagent aus. Halte die Stellung mein Freund.


Herzliche Grüsse

Ernie

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